Aktuell
Auf dem Weg zum Frieden
Interreligiöse Friedensarbeit mit jungen Erwachsenen
von Helen Trautvetter
„Wir kommen von verschiedenen Orten, sind in unterschiedlichen religiösen Traditionen aufgewachsen, unsere soziale Herkunft unterscheidet uns, unsere Kleidung und unsere Sprache, aber etwas verbindet uns: Die tiefe Sehnsucht nach Frieden in den Philippinen und in der Welt. Darum sind wir hier.“
Mit diesen Worten leitete Angge Herrera im Dezember 2006 das erste „Youth Camp for Peace“ ein. Im Kreis saßen über 40 Filipin@s im Alter von 14 bis 28 Jahren und musterten sich
scheu. Für viele der christlichen TeilnehmerInnen war es das erste Mal, dass sie mit Moslems oder Lumad (indigene Bevölkerung in Mindanao) in einen persönlichen Kontakt kamen
und umgekehrt.
Alle aber hatten negative Bilder und Vorstellungen voneinander, die ihnen in der Schule und durch die Medien vermittelt wurden und die ein Ausdruck jener „tiefgehenden Spaltungen zwischen Religionen, ethnischen Gruppen und sozialen Klassen“ sind, wie es im Konzept des Youth Camps heißt. Spaltungen, „die zu verschiedenen Formen von sozialer, psychologischer und struktureller Gewalt innerhalb der Gesellschaft und zum Krieg im Süden des Landes geführt haben und die Entwicklung des ganzen Landes blockieren.“
Persönliche Erfahrungen haben die Sozialarbeiterin Angge Herrera dazu bewogen, sich in der Friedensarbeit und im interreligiösen Dialog zu engagieren. 2002 traf sie Roberto Layson,
einen katholischen Priester, der in seiner Gemeinde in Pikit in Mindanao mit einem interreligiösen Team in der Friedensarbeit aktiv war. Beiden wurde klar: „Wir müssen heute
damit beginnen, junge Menschen von Mindanao und Manila auszubilden, weil die Heilung von Beziehungen und Friedensbildung Zeit brauchen und es ein gemeinsames Engagement von Nord
und Süd erfordert, um Frieden zu schaffen.“
Gemeinsam mit mehreren Partnerorganisationen aus Mindanao und Luzon entwickelten sie ein neues Konzept für die Ausbildung junger FriedensarbeiterInnen, die sich einsetzen, die Spaltungen innerhalb der Gesellschaft zu überwinden, indem sie über die Bedürfnisse ihrer eigenen Gruppe hinaus eine gemeinsame Vision für die Philippinen entwickeln und umsetzen.
Angge Herrera profitierte dabei auch von ihrer langjährigen Verbindung mit dem Katharina-Werk (Basel), an dessen Internationalen Peace Camps sie in der Schweiz mehrfach
teilgenommen hatte. Diese gründen auf der Vision „Eine Welt für Alle“ von Pia Gyger und finden seit 1992 jährlich im Bildungshaus Fernblick in Teufen statt.
Für die konkrete Umsetzung des „Youth Camp for Peace“ Projekts wurde die „Tri-People Organisation“ Binhi ng kapayapaan, Inc., (Samen des Friedens) gegründet.
Das Konzept “Youth Camp for Peace”
In 5 Jahren soll eine Kerngruppe junger Führungskräfte aus Luzon und Mindanao zusammenwachsen. Aus einem neuen Geist der Zusammenarbeit, des Dialogs und des Respekts ist sie fähig,
eine Friedensvision zu entwickeln und konkret umzusetzen. Sie soll auch zum Frieden zwischen christlichen, islamischen und indigenen Traditionen beitragen.
Internationale Gäste erweitern den Blick auf globale Themen und machen die Gruppe mit anderen Fragen und Perspektiven vertraut. So entsteht ein nationales Netzwerk einer
nächsten Generation von FriedensarbeiterInnen.
Aufbruch
Im Jahr 2000 hatte ich im Internationalen Peace Camp in der Schweiz eine Gruppe Filipin@s kennengelernt, die ich ein Jahr später in den Philippinen besuchte. In diesen 5 Monaten
lernte ich die Realität der Reisbauern in Nueva Ecija wie auch den Alltag in der Metropole Manila kennen. Besonders betroffen aber war ich von der Reise nach Mindanao mit
Angge Herrera, wo ich Roberto Layson kennenlernte. Er lud uns in seine Gemeinde nach Pikit ein, eine Stadt, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zwischen die
Fronten der Moro Islamic Liberation Front (MILF) und der Regierungstruppen geriet. Die Erzählungen der Menschen über ihre Kriegserlebnisse und ihren Willen, trotz aller Verluste
wieder ein neues Leben aufzubauen, berührten mich sehr.
Auch in den Jahren danach blieb ich mit den Filipin@s im Kontakt und begann, mich intensiver mit Friedensarbeit auseinander zu setzen. 2006 kam ich für einen Freiwilligeneinsatz der
Bethlehem Mission Immensee in die Philippinen und arbeite seitdem für das Youth Camp Projekt.
Vorurteile abbauen -Erstes Youth Camp for Peace 2006
Während der Vorbereitungsseminare im weitgehend christlich geprägten Luzon wurde deutlich, wie sehr die jungen Menschen von Stereotypen beeinflusst waren. Ohne Umschweife
wiederholten sie die gängigen Vorurteile gegen Moslems, die sich nach dem 11.09.2001 festgesetzt hatten. Mir wurde es mulmig, wenn ich daran dachte, dass sie bald in einem
Raum mit „diesen“ Moslems sitzen würden.
Ich hatte aber nicht mit der Lernbereitschaft der jungen Leute gerechnet. Schon im ersten Youth Camp zeigten sie sich bereit, sich mit ihren gegenseitigen Vorurteilen auseinander
zu setzen und diese zu revidieren. Unter den TeilnehmerInnen entstanden Einheit und eine gemeinsame Vision. Es gelang ihnen, eine Brücke über die tiefen Gräben zu bauen und
die Begegnungen zeugten von einem wachsenden Respekt voreinander.
So kam es am Ende des Youth Camps zu Aussagen wie: „Ich habe schlecht über den Islam gedacht, weil für mich Muslime Terroristen waren. Jetzt habe ich eure Geschichte gehört und
verstanden, dass auch ihr unter dem Krieg leidet wie wir.“
Ihre gemeinsame Vision hielten die Jugendlichen in diesem Bild fest.
Die Friedenstaube, die den Samen des Friedens im Schnabel hält und die Waage, die ausdrückt, dass zum Frieden auch Gerechtigkeit gehört. Der Regenbogen als Zeichen der Hoffnung und die Flüsse, die in den drei Bergen entspringen als Symbol für die Ressourcen der drei Religionen. Die Straße, die mit ihren Spalten darauf hinweist, dass der Weg zum Frieden kein einfacher ist.
Verstehen - Zweites Youth Camp for Peace 2008
Im August 2008 brach erneut ein gewalttätiger Konflikt in Mindanao aus, der Tausende von ZivilistInnen zur Flucht zwang -auch einige unser Jugendlichen. Als wir uns im November trafen, trugen viele traumatische Erlebnisse aus den vergangenen Monaten mit sich – weil sie selber flüchten mussten oder weil sie in Flüchtlingscamps Hilfe leisteten.
Ihre Geschichten brachten uns allen den Krieg emotional sehr nahe und den TeilnehmerInnen aus Luzon die Chance, diesen Konflikt mehr zu verstehen und ihre FreundInnen aus Mindanao
zu unterstützen. Ein Geschichtsprofessor und ein ehemaliger General, der viele Jahre die Friedensgespräche zwischen Rebellen und Regierung geleitet hatte, halfen den
Jugendlichen, die Hintergründe des Krieges und Wege daraus zu verstehen. Ein islamischer Gelehrter gab eine Einführung in die oft missverstandene Religion des Islam.
In den Rückmeldungen erwähnten die Jugendlichen ihre wichtigste Erfahrung:
Norhaida aus Mindanao: „Ich konnte meinen Schmerz loslassen, meine Gefühle mitteilen und ich spürte die Anwesenheit der Gruppe und dass sie mit mir fühlten“.
Ramon aus Manila: „Dieses Youth Camp ist sehr wichtig für die Menschen in Manila. Es schafft Bewusstsein bei den Menschen in Luzon über die Ereignisse in Mindanao“.
Aduna von den Talaandig: „Für mich war die Einheit zur Geschichte von Mindanao sehr wichtig. Wir müssen sie kennen, um zu verstehen, woher wir kommen und wohin wir gehen“.
Versöhnung – Regionaler Workshop und Drittes Youth Camp for Peace 2009
Im Mai 2009 hatten wir in Mindanao und Luzon Trainings zur gewaltfreien Kommunikation (GfK) durchgeführt. Die Gruppe aus Mindanao traf sich in Cotabato City, wo zwar keine direkten Kampfhandlungen stattfanden, aber eine große Spannung spürbar war, denn die Explosionen waren auch aus der Ferne sicht-und hörbar. Nun saßen wir zusammen und ich gab den Impuls zur GfK, was mich in einige Not brachte. Was hatte ich diese Jugendlichen über GfK zu lehren?
Zwei Monate vorher war ich auf einer Friedenskonferenz in Davao und nahm an einer Karawane teil, die uns nach Datu Piang mitten ins Kriegsgebiet führte. Mir waren noch die Stimmen der jungen Menschen in den Ohren, die zu Tausenden am Straßenrand standen und uns laut zuriefen „Allah hu Akbar!“
Die Verzweiflung dieser Frauen und Männer war so spürbar gewesen und ich habe laut und leise wiederholt „We won’t forget you!“ und gedacht, wer von diesen Männern wohl bald die
Geduld verliert und sich den MILF anschließt.
In diesem gewaltbereiten und gewaltsamen Umfeld übten wir GfK ein. Und ich erlebte eine Kraft bei diesen Jugendlichen und wünschte, sie wäre von den EntscheidungsträgerInnen in
diesem Land gehört und gesehen worden.
Im Rollenspiel spielten Moslems ChristInnen und umgekehrt: sie verhandelten miteinander, wie der Landkonflikt, um den es damals ging, gelöst werden könnte. Sie waren bereit, ihre
Verletzungen hinter sich zu lassen, um frei zu werden. Sie sahen ein, dass der anderen Seite Zugeständnisse gemacht werden müssen. Sie beharrten nicht auf der eigenen Position
und sie waren gewillt, sich eine Zukunft in Frieden zu schaffen.
Wann immer es für mich schwierig wurde, in den Philippinen zu leben und ich daran zweifelte, ob meine Arbeit einen Sinn machte, hatte ich diese Jugendlichen im Sinn. Sie auf ihrem
Weg zu ermutigen und zu unterstützen, war und ist mir mehr als genug Grund, um mich wieder für meine Aufgabe zu ermutigen.
Im September 2009 verwüstete der Taifun Ondoy unser Büro in Manila. Alle vorbereiteten Arbeitsmaterialien waren unbrauchbar. Schlimmer als der materielle Schaden war jedoch der
Schock für die MitarbeiterInnen.
In der Einstiegsrunde bat Angge Herrera um Verständnis: Vieles müsse improvisiert werden! Die Reaktion darauf gehört schon zu den Erfolgen des Projektes. Die Jugendlichen und allen
voran die Young Facilitators übernahmen mit Engagement Aufgaben, für die wir sie in den ersten Jahren immer motivieren mussten.
Die unter anderem durch den Krieg verursachten Spaltungen haben auch dazu geführt, erst einmal „die andere Seite“ zu beschuldigen. In diesem Youth
Camp ermutigten wir die TeilnehmerInnen, sich ihren Anteils im Konflikt bewusst zu machen und der anderen Seite mit Mitgefühl zu begegnen. In den drei Religionsgruppen erarbeiteten
die Jugendlichen, was der Beitrag ihrer Religion für das Land war, worunter sie leiden und wie sich die Religionen gegenseitig unterstützen können.
Als Aduna Saway von den Talaandig an der Reihe war, ihre Einsichten zu teilen, fing die Glocke der nahen Klosterkirche an zu läuten. Als sie das hörte, erzählte sie von den
Demütigungen christlicher Missionare und wie die jahrhundertealte Abwertung ihrer Kultur dazu geführt habe, dass die Lumad ihre Identität lieber verstecken. Unter Tränen erzählte
sie, dass sie als einzige die Hand erhob, als die SchülerInnen nach ihrer Herkunft gefragt wurden, und die Lehrerin nach den Lumad fragte -dabei wusste sie, dass sie nicht die
Einzige in der Klasse war.
Ihre Geschichte, in der nicht nur sie, sondern auch die Stimme ihrer Vorfahren hörbar wurde, löste viel Betroffenheit aus. Es wurde schmerzhaft spürbar, dass die Missionierung und
die Zerstörung der indigenen Kultur kein abgeschlossenes Kapitel der Kirchengeschichte ist, sondern bis heute nachwirkt.
Es kam auch zu Konflikten zwischen den Teilnehmer-Innen. Mit Unterstützung der Gruppe lernten sie in einer reifen und konstruktiven Weise damit umgehen. Ein deutliches Zeichen für ihre wachsenden Fähigkeiten in Dialog und Friedensarbeit.
In einem intensiven Versöhnungsritual, in dem die drei Religionsgruppen
einander um Vergebung baten, öffneten sich alle TeilnehmerInnen für die Möglichkeit von Verwandlung und Versöhnung.
Fhar von Mindanao: "Ich habe in dieser Woche gemerkt, wie ich im Alltag oft mit meinen Problemen so beschäftigt bin, dass ich keinen Platz habe für die Sorgen und Nöte anderer. Jetzt ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, den Blick über meine Realität und die meiner Familie und Gemeinschaft hinaus zu weiten".
Kong aus Pikit: "Es war so wichtig, den anderen zuzuhören. Auch wenn wir verschieden sind, können wir trotzdem eins sein".
Aya aus Manila: "Ich habe die Essenz von Frieden entdeckt: Lebe ein einfaches Leben, so dass andere auch leben können. Ich möchte lernen, mehr zu geben".
Verantwortung – Viertes Youth Camp for Peace 2010
Die Young Facilitators übernahmen ihrerseits nun Leitungsfunktionen. In diesem Youth Camp wurde der Fokus vor allem auf die Ressourcen der TeilnehmerInnen gerichtet: „Going back to our roots and reconnecting with our source“ lud ein, sich mit der indigenen Tradition, die alle Filipin@s verbindet, auseinanderzusetzen.
Ich hatte bei meinem ersten Besuch bei den Talaandig das Gefühl gehabt, dass ich hier die Quelle für die Heilung des Landes (und auch der Erde) entdeckt hatte: „The true Filipino culture“ mit ihrer Gastfreundschaft, ihrer Verbundenheit zur Natur und ihrer Eingebundenheit ins Leben.
Das Bewusstmachen dieser Ressourcen und die Entdeckung des Erbes in den verschiedenen Kulturen halfen allen, den Boden zu bereiten, auf dem sie nun kraftvoll ihren weiteren Weg gehen können.
Von Beginn an ging es uns nicht darum, von Frieden als einem romantischen Konzept zu reden, sondern von einem Frieden, der sich im Alltag bemerkbar macht. Dieser Samen, den wir kontinuierlich gepflanzt haben, zeigt erste Früchte: Neben einer wachsenden Solidarität untereinander übernehmen immer mehr Jugendliche eine aktive Rolle in der Friedensarbeit. Einige wurden in die Leitung von Jugendorganisationen gewählt. Eine Gruppe organisierte ihr eigenes Mini-Youth-Camp, eine andere einen regionalen Kongress.
So blicken wir zuversichtlich auf das Youth Camp 2011, das diesen ersten Ausbildungszyklus abschließen wird. Doch bei allem Reichtum, den die Verschiedenheit der Jugendlichen bedeutet, bleibt gerade sie eine ständige Herausforderung untereinander und für uns.
Am Anfang malten die Jugendlichen ihre Vision vom Frieden und machten sich gemeinsam auf den Weg. Ihr Bild zeigt, dass auch sie schon ahnten, der Weg zum Frieden ist nicht immer nur eben und gerade, Rückschläge gehören dazu. Dennoch, sie lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen, weil sie eine Zukunft für sich sehen, mit allem, was sich Jugendliche eben wünschen, eine Familie, einen guten Job...
Von den Jugendlichen habe ich gelernt, bereit zu sein, für eine größere Sache über den eigenen Schatten zu springen. Trotz Verletzungen Konflikte hinter sich zu lassen, trotz Differenzen zusammen weiter zu gehen, weil es ein gemeinsames größeres Ziel gibt. Eine Vision haben und diese leben. Auch im interreligiösen Dialog den anderen nicht immer verstehen müssen und trotzdem miteinander verbunden sein. Die Kraft und der Reichtum gemeinsamer Gebete und Rituale.
Und die Frage, wo wir im Westen verwurzelt sind und ob unsere Probleme gerade damit zu tun haben, dass wir uns unserer Wurzeln nicht mehr bewusst und mit ihnen verbunden sind.
Helen Trautvetter ist Mitglied des Katharina-Werks und arbeitet im Rahmen eines Freiwilligeneinsatzes der Bethlehem Mission Immensee seit September 2006 für die philippinische
NGO Binhi ng kapayapaan, Inc. und das Projekt „Youth Camp for Peace“. Sie wird in diesem Jahr in die Schweiz zurückkehren.

The 3Ps - Peace Project Pfäffikon